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Plattformen wie Temu und SHEIN sind längst im deutschen Konsumalltag angekommen. Rabatte, Gamification und Social-Media-Hypes entfalten eine nicht zu unterschätzende Sogwirkung. Gleichzeitig bleibt bei vielen ein mulmiges Gefühl. Nicht zuletzt aufgrund von Unsicherheit hinsichtlich Qualität, Datenschutz und Nachhaltigkeit. Die aktuelle ECC-Studie zeigt, wie stark diese Widersprüche sind und warum sie gerade jetzt zum entscheidenden Faktor im ECommerce werden.  
 

Amazon: Der verlässliche Standard im E-Commerce

Vergleicht man die großen Plattformen fällt auf, dass Amazon und OTTO in einer ganz eigenen Liga spielen: Hohe Nutzung, reibungslose Prozesse, professionelle Standards. Für viele Menschen ist Shopping auf Amazon heute so selbstverständlich wie Strom aus der Steckdose. Dieses „funktioniert einfach immer“-Gefühl ist einer der stärksten Vertrauensbooster und genau deshalb begegnen sensible Produktgruppen wie Lebensmittel, Beauty- oder Kinderartikel dort so viel weniger Sicherheitsbedenken als bei Temu, SHEIN & Co.  

Zur Einordnung: Während jeweils zwischen 10% und 35% der Befragten angaben Sicherheitsbedenken zu haben, wenn sie Artikel aus den vorgenannten Produktgruppen bei Amazon oder OTTO bestellen, waren es bei Temu und SHEIN jeweils um die 90%. 

Amazon dominiert nicht nur wegen des Preises oder der Lieferzeit, sondern weil die Plattform es geschafft hat über die Jahre eine emotionale Bindung zu seinen Kunden aufzubauen. Jede reibungslose Bestellung zementiert das Gefühl: „Hier kann ich nichts falsch machen.“ Vertrauen ist kein beiläufiges Extra. Es ist ein struktureller Wettbewerbsvorteil, der sich nicht von heute auf morgen aufholen lässt. 

Temu & SHEIN: Hohe Anziehungskraft, niedrige Bindung

Die Betrachtung der Gegenseite ist ebenfalls spannend. Millionen Menschen kaufen bei Temu und SHEIN, obwohl sie diesen Plattformen nicht wirklich vertrauen. Die Studie zeigt, dass die Vorbehalte gerade bei Produkten wie Lebensmitteln, Medikamenten, Beauty- oder Kinderartikeln enorm sind. Doch warum kaufen Menschen trotzdem dort ein? 

Weil diese Plattformen es schaffen uns auf einer sehr intuitiven Ebene zu adressieren: 
Impuls statt Abwägung, Preis statt Prinzipien, Unterhaltung statt Überlegung. Sie funktionieren wie ein digitaler Jahrmarkt – bunt, schnell, reizüberflutet. Das erzeugt kurzfristige Begeisterung, aber kaum langfristige Bindung. 

Die Plattformen leben von schnellen Transaktionsbeziehungen, nicht von Loyalität. Kunden kommen wegen des Deals und gehen, sobald der nächste, noch billigere Anbieter den Markt betritt. 

Was wirklich hinter den Zahlen steckt: Ein psychologisches Spannungsfeld

Die ECC-Studie liefert ein selten klares Bild darüber, wie Menschen heute im Internet kaufen: rational im Anspruch, impulsiv in der Realität. Einen Erklärungsansatz, warum Menschen trotz Bedenken und Misstrauen auf den „Billigplattformen“ einkaufen, liefern unter anderem psychologische Mechanismen: 

  • Soziale Normalisierung: Wenn alle bestellen, erscheint es weniger riskant.
  • FOMO: Verpasste Schnäppchen fühlen sich belastender an als abstrakte moralische Bedenken.
  • Psychologische Distanz: Arbeitsbedingungen und Umweltauswirkungen sind weit weg – gedanklich wie emotional. 

Diese Dynamiken erklären, warum Kunden ein schlechtes Gefühl haben können und trotzdem auf „Jetzt kaufen“ tippen. Nicht, weil sie es nicht besser wüssten. Sondern weil die Entscheidungslogik des Alltags nun mal selten idealistisch und häufig impulsgesteuert ist. 

Was das für europäische Händler bedeutet

Die zentrale Erkenntnis der Studie: Preis schlägt nicht Vertrauen, er kann es allerdings kurzfristig überlagern. Doch Vertrauen bleibt der Faktor, der langfristige Bindung schafft. Genau hier liegt die Chance, die es für europäische Händler zu nutzen gilt. 

Denn – und in diesem Punkt sind sich alle Expert*innen in der Studie einig – die asiatischen Geschäftsmodelle lassen sich nicht 1:1 kopieren, schon allein aus regulatorischen Gründen. Das ist allerdings auch nicht nötig. 

Statt „billiger und schneller“ lautet der europäische Vorteil „verlässlicher, sicherer, nachvollziehbarer“. Vertrauen entsteht dort, wo Preisstrukturen transparent sind, Informationen stimmen, Retouren reibungslos verlaufen und Standards nicht nur behauptet, sondern belegt werden. Es geht nicht um Marketing, sondern um das konsequente Erleben von Verlässlichkeit über Zeit.

"Temu und SHEIN bleiben die wachstumsstärksten Plattformen in preisgetriebenen Segmenten (Non-Food, Fast Fashion), allerdings mit abnehmender Dynamik durch steigende EU-Regulierung, Abgaben auf Kleinsendungen und höhere Compliance-Kosten. AliExpress entwickelt sich stabiler und stärker lokalisiert (EU Warehousing, schnellere Lieferung), mit Fokus auf Marktanteils verteidigung statt aggressiver Expansion. Wish verliert weiter an Relevanz und wird mittelfristig eine Nischen plattform bleiben. Kundenbindung ist bei Temu stark preis-/incentive getrieben, bei SHEIN deutlich höher durch Marken- und Sortimentslogik. Implikation: Preisvorteile bleiben relevant, werden aber komprimiert. Skalierung verlagert sich von „Growth at all costs“ zu Effizienz, Vertrauen und Compliance."

Wolfgang Theiner, Geschäftsführer COSMO CONSULT)

Ein Ausblick: Mehr Reichweite, weniger Bindung

Die Studie prognostiziert, dass Temu und SHEIN ihre Reichweite angetrieben von preissensiblen Käufern und aggressivem Marketing weiter steigern werden. Allerdings werden zunehmende Regulierung, Zollanpassungen und wachsende Transparenzanforderungen die Spielräume für asiatische Plattformen künftig enger machen. Das öffnet Raum für Händler, die auf ein anderes Wertversprechen setzen. 

Nicht auf das billigste Produkt, sondern auf die verlässlichste Entscheidung. Wer diese Stärke konsequent ausspielt, konkurriert nicht mit Temu, sondern spielt in einer anderen, stabileren Liga. 

Alle Zahlen, Analysen und Handlungsempfehlungen finden Sie in der ECC Club Studie 2026.

Victor Lemeshko

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Von Victor Lemeshko

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Zwischen Vertrauen und Vorbehalten: Was Temu & SHEIN über die Zukunft des ECommerce verraten