
Zum bereits achten Mal hat Natalie Karolak den begehrten MVP-Award von Microsoft erhalten. Damit ist sie eine echte Seltenheit; eine von wenigen Frauen, die sich über diese Auszeichnung freuen können, und eine Koryphäe in einer Nische, die sich mit einem eigenen Blog, einer Buch-Veröffentlichung, Foren-Beiträgen und Podcast-Auftritten verdient gemacht hat. Wir haben mit ihr gesprochen.
Natalie Karolak klickt sich durch ihre Dateien. Es dauert nur ein paar Sekunden, bis sie ihre biografischen Angaben abgerufen hat. Sie möchte sicherstellen, dass sie nichts Falsches sagt, nichts vergisst, nichts durcheinanderbringt. Diese Gewissenhaftigkeit ist ein Grund, weshalb sie ihren achten MVP-Award bekommen hat. In der Microsoft-Community ist sie ein Star. Der Preis steht in ihrem Homeoffice in einem offenen Schrank. Wenn sie über ihren Bildschirm schaut, sieht sie ihn. Er ist eine Anerkennung für ihren mittlerweile jahrzehntelangen Einsatz.
Natalie ist Product Architect bei COSMO CONSULT. Als solche betreut sie aktuell ein Set von vier COSMO-Produkten, unter anderem die COSMO Unique Device Identification. Zu ihren Aufgaben zählen Wartung, Implementierung neuer Features und die Bewertung aktueller Anforderungen in regelmäßigen Team-Meetings. Eine jugendliche Euphorie hat sie sich bewahrt. Aus ihr sprüht eine kindliche Neugier; eine Fähigkeit, zwar ihre Arbeit ernst zu nehmen, sich selber aber mit einer Portion Selbstironie zu begegnen. Sie kennt ihre Fähigkeiten, vertraut ihnen, gibt damit aber nicht an.
Sie ist eine von nur vier MVPs für Business Central im deutschsprachigen Raum. Insgesamt sind es weniger als 100. Knapp 20 davon sind Frauen. Der MVP-Award ist ein Community-Preis, der Personen auszeichnet, die sich in Online-Foren, durch Bücher, Konferenzvorträge oder Blogbeiträge um Microsoft-Produkte verdient gemacht haben. Bereits von 2012-2016 war sie MVP, anschließend erneut seit 2024.
Was bedeutet dir der Preis persönlich?
Natalie Karolak: Er bedeutet die Anerkennung, etwas geschaffen zu haben. Dazu gehören etwa Vergünstigungen wie die Premium-Mitgliedschaften bei LinkedIn und GitHub ebenso wie der direkte Draht zu Microsoft. Wir bekommen Einblicke in geplante Features und sollen dazu Feedback geben. Es gibt regelmäßige Online- und Offline-Meetings mit dem jeweiligen Produktteam.
Was muss man für den MVP-Award tun?
Der MVP Award ist in erster Linie ein Community Award. Microsoft zeichnet Menschen aus, die ihr Wissen freiwillig mit anderen teilen und damit die Community unterstützen. Manche schreiben Bücher, andere halten Vorträge, produzieren Videos oder beantworten Fragen in Foren. Ich selbst bin über meine Arbeit in der deutschsprachigen Dynamics-Community zum MVP geworden.
Damals war ich sehr aktiv im Forum MSDynamics.de. Ich habe dort über Jahre hinweg unzählige Fragen beantwortet und anderen geholfen, Probleme zu lösen. Irgendwann kannte mich in der deutschsprachigen Business-Central-Welt praktisch jeder. Viele haben mich scherzhaft den „BC Docs Librarian“ genannt.
Der Name entstand, weil ich mich sehr intensiv mit der offiziellen Microsoft-Dokumentation beschäftigt habe. Einige Kollegen hatten Schwierigkeiten, dort bestimmte Informationen zu finden. Mir fiel das offenbar leichter.
Ich habe deshalb angefangen, relevante Änderungen herauszufiltern, wichtige Informationen zusammenzufassen und an die Community weiterzugeben.
Es hat sich offenbar auch für COSMO ausgezahlt. Dein Engagement in der Community hat dir acht Mal den MVP Award beschert, und dein Arbeitgeber kann sich mit dir rühmen.
Das stimmt. Für mich ist der Award kein Ziel an sich. Er ist eher das Ergebnis davon, dass man sich intensiv mit einem Thema beschäftigt und dieses Wissen anschließend mit anderen teilt.
Was hat dir in deinem Beruf – und auch für den MVP – am meisten geholfen?
Meine Detailversessenheit und meine Vorliebe für Nischenthemen. Ich fuchse mich gerne in etwas hinein, was für andere vielleicht unwichtig oder uninteressant erscheint. Und natürlich die Freude am Teilen.
Heißt das, dir fällt Veränderung grundsätzlich leicht? In den vergangenen Jahren kamen gleichzeitig KI, neue Organisationsstrukturen und neue Arbeitsweisen hinzu.
Ich glaube, mit zunehmender Berufserfahrung lernt man, Veränderungen besser anzunehmen. Das heißt nicht, dass jede Veränderung leichtfällt. Aber ich habe gelernt, dass die meisten auch Chancen mit sich bringen.
Außerdem gehört Veränderung in der Softwareentwicklung ohnehin zum Beruf. Technologien entwickeln sich permanent weiter. Man muss ständig neue Werkzeuge lernen und sich auf neue Rahmenbedingungen einstellen.
Genau das gefällt mir an meinem Beruf. Es wird nie langweilig.
Natalie ist in Bielefeld aufgewachsen. Wenn sie als Kind gefragt wurde, was sie werden will, hat sie nicht „Product Architect“ gerufen. Das Interesse fürs Programmieren keimte erst später auf. In der Schule belegte sie zunächst einen Informatik-Wahlkurs, den sie jedoch später wegen ihres vollen Stundenplans (und wegen geringen Interesses) abwählte. Erst im Wirtschaftsstudium kam sie im Rahmen von Pflichtkursen erneut mit Informatik in Berührung und stellte fest, dass ihr dieser Bereich deutlich leichter fiel als der Rest des Studiums. Sie wählte Informatik als Schwerpunkt.
Einen klaren Schlüsselmoment gab es bei einer Prüfung nach dem ersten Semester: Innerhalb weniger Minuten hatte sie die gestellte Programmieraufgabe gelöst, während viele Kommilitonen deutlich länger benötigten. Sie bemerkte, dass ihr analytisches, algorithmisches Denken besonders leichtfiel.
Das ist eigentlich ein großes Glück. Viele Menschen entdecken ihre eigentlichen Talente nie.
Das stimmt. Interessanterweise hatte ich dieses Talent in der Schulzeit überhaupt nicht wahrgenommen. Dort fühlte ich mich weder besonders begabt noch außergewöhnlich interessiert. Rückblickend glaube ich, dass mir damals einfach der Praxisbezug fehlte. Im Studium erkannte ich plötzlich, welche beruflichen Möglichkeiten sich daraus ergeben. Dadurch bekam das Ganze eine andere Bedeutung.
Wie bist du schließlich in die Softwareentwicklung geraten?
Durch meine Diplomarbeit. Dafür habe ich bei einem Unternehmen eine Personalzeiterfassung entwickelt. Die Firma hat mir damals Delphi beigebracht. Mein damaliger Abteilungsleiter hat mich mit Literatur versorgt, mir die Grundlagen gezeigt und mich Schritt für Schritt an das Thema herangeführt.
Heute wird viel über Frauen in technischen Berufen gesprochen. Ich nehme an, dass es damals noch weniger Frauen in derartigen Disziplinen gab. Wie hast du das damals erlebt?
Ich habe das nicht als befremdlich empfunden. Ich hatte schon als Kind überwiegend männliche Freunde und konnte mit vielen klassischen Rollenbildern wenig anfangen. Deshalb fühlte ich mich in dieser Umgebung nie fehl am Platz.
Natürlich waren wir im Studium deutlich in der Minderheit. Oft gab es neben mir nur ein oder zwei weitere Frauen im Kurs. Heute ist das Verhältnis besser, aber noch lange nicht ausgeglichen.
Hast du Vorurteile oder Benachteiligungen erlebt?
Ich hatte großes Glück. Die klassischen Geschichten, die man manchmal hört – etwa, dass Frauen zum Kaffeeholen geschickt werden oder fachlich nicht ernst genommen werden – sind mir persönlich nie begegnet.
Natürlich gab es hin und wieder Kommentare wie: „Ach, eine Frau in der Informatik.“ Aber das war eher Ausdruck von Überraschung als von Ablehnung. Vielleicht hat auch meine Persönlichkeit geholfen. Ich war nie besonders schüchtern und habe mich selten einschüchtern lassen. Aber ich würde niemals behaupten, dass meine Erfahrungen allgemeingültig sind.
Natalie beobachtet in der IT-Branche eine im Vergleich zu anderen Branchen hohe Zahl neurodivergenter Menschen, etwa mit Autismus. Ein Phänomen, das mit der analytischen Natur dieser Tätigkeiten zusammenhängt und der Tatsache, dass die Möglichkeiten des Home-Office in der Branche weit verbreitet sind. Menschen, die sich im sozialen Umgang eher schwertun, kommt das entgegen. Jedoch sind Natalies Kollegen alle „sehr soziale Wesen“.
Vielleicht ist sie etwas zu bescheiden, als sie behauptet, kein Computerexperte zu sein. Zwar ist sie mit Leidenschaft in ihrem Job tätig, weiß diesen Alltag aber auch mit sozialen Aktivitäten auszugleichen. Ihr Partner ist da anders, lacht sie, ein waschechter Programmierer sowohl im Beruf als auch in der Freizeit. Manchmal wünsche er sich, Natalie wäre mehr ein Geek, wie er. „Aber immerhin können wir uns über den Job unterhalten“, fügt sie hinzu. „Er wirft Begriffe wie ‚Pull Request‘ in den Raum, und ich weiß, was er meint.“ Heute kann sie sich schwer vorstellen, etwas anderes zu machen als das, was sie seit ihrem Studium mit Leidenschaft verfolgt. Für zwei Jahre hatte sie COSMO verlassen, um für einen Kunden eine Navision-Installation zu betreuen. Anschließend kehrte sie in ihr altes Team zurück.
Was hatte sich in der Zeit deiner Abwesenheit verändert?
Zu dem Zeitpunkt hatte sich wenig geändert. Ich war nur zwei Jahre weg. Damals gab es noch keine KI, die Prozesse waren noch deutlich langsamer.
Wie hat sich dein Alltag durch KI entwickelt?
Wir sind gerade in einer Umbruchphase, die sich rasant weiterentwickelt. Was wir heute besprechen, kann in zwei Monaten schon wieder anders sein. Vor einem Jahr hätte ich gesagt, dass ich eher die Autovervollständigung nutze und mit ersten Prompts Hilfen hole, aber größtenteils noch selbst programmiere. Die KI hat zu viele Fehler gemacht.
Wie sieht es mittlerweile aus?
Mittlerweile bekomme ich eine Anforderung und lasse mir von der KI eine Spezifikation erstellen, wie das umzusetzen ist. Die lese ich genau, diskutiere mit der Maschine, wenn mir etwas auffällt oder eine Lücke besteht. Wenn ich mit dem Entwurf zufrieden bin, sage ich ihr: Mach. Dann prüfe ich abschließend den Code. Auch das wird die KI in Zukunft vollständig übernehmen, aber noch lasse ich mir das nicht nehmen.
Es gibt viele Teilaufgaben, die man mittlerweile an einen Agenten auslagern und sich assistieren lassen kann. Je nerviger eine Aufgabe vorher war, desto größer die Erleichterung. Aber am Coden selbst und an der Kreativität drumherum hatte ich immer viel Spaß, und da suche ich noch nach einer Nische, die mir genauso viel Freude macht. Mit der KI zu diskutieren, finde ich ermüdend.
Freust du dich schon auf deinen neunten MVP-Award 2027?
Ich weiß nicht, ob ich ihn noch einmal bekommen werde. Die Anforderungen sind heute deutlich höher als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Microsoft prüft sehr genau, welchen Beitrag jemand tatsächlich geleistet hat.
Auch die Community hat sich stark verändert. Früher gab es einige wenige große Plattformen. Heute verteilt sich alles auf Blogs, LinkedIn, GitHub, YouTube und viele andere Kanäle.
Hat sich dein Schwerpunkt auch verändert?
Ja, ich veröffentliche heute regelmäßig Fachbeiträge auf meinem Blog und teile mein Wissen über LinkedIn. Außerdem beobachte ich sehr genau die Microsoft-Dokumentation rund um Business Central.
Man bekommt den Award keineswegs automatisch. Jedes Jahr beginnt bei null. Man muss sämtliche Aktivitäten dokumentieren, Links sammeln, Vorträge nachweisen, Blogbeiträge auflisten und ausführlich beschreiben, welchen Beitrag man für die Community geleistet hat.
Ehrlich gesagt fühlt sich das jedes Jahr ein bisschen wie eine neue Bewerbung an.
Das klingt anstrengend.
Es gibt einen Teil, in dem man erklären muss, warum gerade die eigene Arbeit besonders wertvoll ist. Das liegt mir überhaupt nicht. Die eigentliche Community-Arbeit macht mir großen Spaß. Über sie zu schreiben und mich selbst zu „verkaufen“, dagegen deutlich weniger. Das Gute an dem MVP-Award ist, dass ich mit dem Dokumentationsteam regelmäßig im Austausch stehe. Manchmal bitten sie mich, bestimmte Inhalte zu veröffentlichen oder Rückmeldungen zu geben. Umgekehrt frage ich sie nach Hintergrundinformationen oder weise auf Fehler in der Dokumentation hin.
Das ist eine Zusammenarbeit, von der beide Seiten profitieren.
Für Natalie wird sich wenig verändern: Regelmäßig beobachtet sie, welche Neuerungen Microsoft veröffentlicht. Sie wird sie weiterhin aufbereiten und andere darauf aufmerksam machen. In diesem Sinne schließt sie eine Lücke, da nicht jeder Nutzer alle Informationen mitbekommt, die Microsoft veröffentlicht. So profitiert Microsoft in erheblichem Maße von Natalies Engagement. Wie COSMO auch.
Frauen im Fokus – So stärken wir die Gemeinschaft
Frauen gestalten die digitale Zukunft jeden Tag mit. Trotzdem sind sie in IT und Tech nicht immer so sichtbar, wie sie es verdient haben. Genau hier setzt COSMOwomen in IT an. Unser Event ist ein Tag voller Begegnungen, ehrlicher Gespräche und Impulse, die nachwirken. In diesem Raum stärken sich Frauen gegenseitig, lernen voneinander und wachsen gemeinsam.
Sie treffen auf Expertinnen, Entscheiderinnen, Microsoft-Kolleginnen, Führungskräfte und Role Models, die in Keynotes und Workshops offen über ihren Weg sprechen. Erfolge werden genauso diskutiert wie Zweifel. Es geht um KI und Innovation, um Präsenz und Selbstbewusstsein, um Resilienz, die Vereinbarkeit von Karriere und Familie, um Karrierefragen und die Kunst, den eigenen Platz einzunehmen.
Unser erstes Event fand im März 2026 statt. Auch 2027 wird COSMO CONSULT Veranstaltungen ausrichten für Frauen, die Tech & Digitalisierung mitgestalten wollen. Wir freuen uns auf Tage voller Inspiration, Workshops und Networking.
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